Plötzlich diese Klarsicht

Marco Ratschiller im Interview mit sich selbst zur Pressemeldung des Tages



Vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst für dieses Interview. Gerne. Es ist angenehm, wieder einmal jemandem ohne zu zögern die Hand geben zu können.


Ein grosser Vorteil von Eigenbefragungen. Führst du öfter Selbstgespräche? Ich gebe zu, in den vergangenen Tagen kam das schon ab und zu vor.


Heute wurde bekannt, dass der «Nebelspalter» neue Wege beschreiten wird. Allein das ist erstaunlich, nicht? Für einen Kerl, der bald 147 Jahre alt wird und schon so oft totgesagt worden ist.


Ich sehe, du möchtest das Gespräch möglichst unterhaltsam rüberbringen. Ist dir denn überhaupt zum Lachen zumute?

Nun, es geht für mich natürlich schon eine Ära zu Ende. Ich bin mit insgesamt 15 Jahren zu einem der dienstältesten Chefredaktoren der Schweiz geworden. In den letzten Tagen musste ich aber damit rechnen, dass sich das ändern wird.


Du bleibst laut Medienmitteilung Redaktionsleiter der Printausgabe … … und mache damit weiterhin das, was ich bisher getan habe – und offensichtlich auch geschätzt wurde.


Du sprichst das konstante Abo-Wachstum der letzten Jahre an. Genau. Die Zahl der Abonnenten hat in meiner Zeit um 60 Prozent zugenommen. Während sich der Printmarkt bekanntlich in die entgegengesetzte Richtung entwickelte.


Zugleich ist in der Medienwelt die Bedeutung von Online und Social media enorm gewachsen. Da haben wir sicher getan, was wir ohne zusätzliche personelle und finanzielle Ressourcen konnten, gewissermassen nach dem Tagesgeschäft nebenher. Gemessen daran steht der «Nebelspalter» nicht schlecht da, manche Beiträge kamen locker auf Millionen-Reichweiten. Zugleich wussten wir aber aus Leserbefragungen, dass sich unser klassischer Abonnent explizit ein gedrucktes Magazin wünscht. Vor allem, um den hohen Bildanteil mit allen Sinnen geniessen zu können.


Nun soll der Online-Bereich ein neues Konzept und beträchtliche finanzielle Mittel erhalten … … während bei der gedruckten Ausgabe alles beim Altbewährten bleibt. Wir haben in den sozialen Medien auch bisher oft mit Formen gespielt, die in der gedruckten Ausgabe gar nicht vorkamen, zum Beispiel mit Memes und satirischen Falschmeldungen im Duktus seriöser Berichterstattung.


Geplant sind nun aber auch nichtsatirische Echtmeldungen. Warum nicht, wenn Satire weiterhin ihren Platz bekommt. Es gibt zahlreiche Beispiele in der internationalen Medienwelt, die so funktionieren. Die direkte Nähe zu seriösen Inhalten kann satirischen Formen mehr Kontrast und Reibungsfläche verleihen. Stimmen, die das Konzept eines reinen Satiremagazins für veraltet halten, weil darin eben immer alles erwartbar pointiert witzig ist, gab es schon seit Jahrzehnten. Auch wenn der «Nebelspalter» seine Leserschaft gegen den Trend steigern konnte, finde ich die Aussage sehr spannend. Kunst im öffentlichen Raum entfaltet bekanntlich auch eine völlig andere Wirkung als hinter dicken Museumsmauern.


Passt denn das Recherche-Konzept zur DNA des «Nebelspalter»? Die Identität des «Nebelspalter» ist historisch nicht so eindimensional, wie man heute gerne denkt. Gegründet wurde er 1875 in Zürich gegen Ende des Kulturkampfs zwischen Freisinnigen und Konservativen als antiklerikales Kampfblatt. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich seine Ausrichtung immer wieder verschoben. Im Ersten Weltkrieg war er deutlich deutschfreundlich, erst im Zweiten Weltkrieg wurde er zu jener «Speerspitze der Geistigen Landesverteidigung», an die man sich bis heute gerne erinnert.


Auch das Verhältnis zwischen bissiger Satire und «bravem» Humor … … hat sich im Laufe der Zeit immer wieder verschoben. Im Seitenkopf der allerersten Ausgabe sucht man den Begriff «Satiremagazin» vergebens, dort steht «Illustriertes humoristisch-politisches Wochenblatt». Der Spagat zwischen Humor und Satire prägt das Magazin bis heute. Weil wir auch nicht einfach den einen Abonnenten haben, sondern Dutzende unterschiedlicher Vorlieben, die wir bedienen möchten. Bis hin zu jenen, die den «Nebelspalter» vor allem wegen unseres wirklich besonderen Kreuzworträtsels abonnieren – so wie mancher Regionalzeitungs-Abonnent vor allem durch die Todesanzeigen blättert.


Stichwort Todesanzeige: Bedeutet die Übernahme durch eine Gruppe konservativer und liberaler Investoren denn nicht den Anfang vom Ende? Der «Nebelspalter» stirbt in jenem Moment, in dem ihm die Satire ausgetrieben wird. Aber heute sage ich mir: Wieso sollte dazu jemand ein Satiremagazin übernehmen? Wieso sollte dazu jemand das bisherige Printkonzept weiterlaufen lassen? Solange das so bleibt, besteht wenig Grund zur Sorge. Denn Satire lässt sich schwer bändigen. Ich kenne keine Karikaturisten, die sich vorschreiben lassen, was sie zu zeichnen haben. Aussage und Idee einer Karikatur zu entwickeln, das ist für Zeichner ein wesentlicher Teil der Arbeit. Die zeichnerische Ausführung ist dann gewissermassen schon die zweite Halbzeit.


Man könnte aber gezielt Karikaturisten mit der gewünschten Gesinnung einwechseln. Ganz ehrlich: Die müsste man zuerst einmal finden. Doch die ganze Links-rechts-Denke ist eigentlich Quatsch und nicht mehr zeitgemäss. Die gesellschaftliche und politische Realität ist schlicht zu komplex für einfache Schemata. Ein guter Satiriker oder Karikaturist zeigt mit seiner Federspitze auf jeden Missstand, der ihm ins Auge sticht, egal ob links oder rechts, oben oder unten. Sonst hat er schlicht seinen Job verfehlt. Wer sich ausschliesslich in den Dienst einer Sache stellt, ist in Wahrheit Propagandist, nicht Satiriker. Der «Nebelspalter» der letzten Jahre hat immer versucht, bewusst auch unterschiedliche Standpunkte abzubilden. Darauf sollen sich die Abonnenten auch künftig verlassen können.


Satire muss also nicht von links nach rechts oder von unten nach oben zielen? Das sind doch ebenso unzulängliche Definitionen wie das gerne Mantra-artig wiederholte «Satire darf alles». Satire muss kritisch sein, in aller Richtungen. Und sie muss in der Form so witzig, überraschend und provokativ sein, dass sich das Publikum nicht gelangweilt oder wütend abwendet. So einfach ist das. Wir haben bürgerlich-konservative Politiker, die Mist bauen. Wir haben rotgrüne Städte, die Blödsinn entscheiden. Wir haben Verwaltungen, Verbände und Gewerkschaften, denen man auf die Finger schauen muss, genauso wie den Konzernen und dem Kapital. Und wir haben uns selbst, die alle paar Monate an der Urne zu Mittätern werden für alles, was gerade so schiefläuft. Darum zielt in der Schweiz auch der kategorische Imperativ, Satire müsse per se von unten nach oben gerichtet sein, an der Sache vorbei. Die grössten Witzfiguren sind doch ganz häufig wir selbst. Das ist auch der Grund, warum hierzulande die Bühnenfiguren eines Emil Steinberger oder Simon Enzler so erfolgreich sind. Und es ist ebenfalls der Grund, warum der Narr seit Jahrhunderten mit einem Spiegel in der Hand dargestellt wird – um uns diesen vorzuhalten. Nicht, um uns in unseren Vorurteilen, Aversionen oder Überlegenheitsgefühlen gegenüber Gegnern zu bestärken. Wer auch immer ein Satiremagazin führt, sollte das verinnertlicht haben.


Befürchtest du eigentlich, dass sich nun Mitarbeiter oder Abonnenten abrupt abwenden? Ich würde es bei beiden bedauern. Man sollte den «Nebelspalter» an dem messen, was drinsteckt. Und nicht am Etikett, dass er von aussen verpasst bekommt. Wenn für die Leserschaft, aber auch für die Mitarbeiter, weiterhin die bisher bewusst gepflegte thematische, politische und formale Breite möglich ist, wäre es doch wirklich schade, der Zeitschrift den Rücken zu kehren. Ernst Löpfe-Benz, der Mann, der den «Nebelspalter» in den 1920ern nach Rorschach holte und zusammen mit Chefredaktor Carl «Bö» Böckli die grosse Blütezeit des Blattes einleitete, war politisch ein engagierter Freisinniger, der lange auch im Ständerat sass. Seinem Satiremagazin gestand er trotzdem ein breites Spektrum an Meinungen und Themen zu. Es ist aus heutiger Sicht immer wieder verblüffend, wie kritisch und visionär Beiträge aus jener Zeit sind – zu Themen, die uns heute noch immer beschäftigen.


Hand aufs Herz: Machst du jetzt nicht ein wenig auf Zweckoptimismus? Ist Zweckpessimismus denn besser? Ich hoffe zusammen mit unseren Abonnenten, die uns teils seit Jahrzehnten die Treue halten, und zusammen mit Dutzenden von Zeichnern und Autoren darauf, dass die bevorstehende Frischzellenkur die Marke «Nebelspalter» stärkt – und nicht entkernt.


Ein passendes Schlusswort. Und am Ende dieses Gesprächs fühle ich mich …? Komm, das weisst du nun wirklich selbst.

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