Tor des Monats: Casimir Platzer

Aktualisiert: 27. Juli 2020

Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer ist nach sechs Wochen Lockdown zu Besuch im Bistro fédéral im Bundeshaus.


Kellner: «Willkommen im Bistro fédéral im Bundeshaus, Sie haben reserviert?»


Platzer: «Grüezi, jawohl auf Platzer, und zwar bereits vor Ostern …»

Kellner: «Entschuldigen Sie, wir sind ziemlich ausgebucht, seit alle anderen zugemacht haben.» (Blättert in der Agenda rum.) «Ah ja, hier, Herr Platzer. Darf ich Ihnen schon mal Ihre Maske für die Dauer Ihres Aufenthalts überreichen? Sie haben ja einen runden Tisch gewünscht. Gleich hier, bitte schön. Möchten Sie schon etwas trinken?»


Platzer: «Gespritzten Weissen, bitte.»


Kellner: (bringt nach einer kurzen Weile das Gewünschte) «Hier, bitte der Herr.»


Platzer: «Nanu, das Glas ist ja halb leer!» Kellner: «Finden Sie? Oder vielleicht eher halb voll?»

Platzer: «Wollen Sie mir unterstellen, ich sei ein Pessimist?»

Kellner: «Gewiss nein, der Herr, halbe Ausschankmengen und Portionen bei unveränderten Preisen gehören zu unserem neuen Konzept, um die Umsatzverluste wegen der erhöhten Tischabstände aufzufangen.»


Platzer: «Ihr Konzept? Das haben Sie doch bestimmt aus meinen Vorschlägen, die ich Ihren Chefs vor Ostern zugeschickt hatte.»


Kellner: «Das ist durchaus möglich, un sere Geschäftsleitung agiert sonst neuerdings gerne mal konzeptlos.»

Platzer: «Genau darum bin ich ja hier.»


Kellner: «Das freut mich. Beehren Sie uns allein oder warten Sie noch auf jemanden?»


Platzer: «Was soll der Quatsch? Ich warte sehr wohl auf jemanden – auf Ihre Chefs. Und ich bin nicht allein, sondern spreche als Präsident von Gastrosuisse im Namen von 265 000 Stellen, die vor dem Nichts stehen.»


Kellner: «Oh, bitte entschuldigen Sie den Patzer, Herr Platzer. Ich habe die Situation nicht gleich erfasst. Ich werde umgehend ab-klären, ob der Bundesrat Zeit hat.»


Platzer: «Na endlich. Geben Sie mir in der Zwischenzeit doch schon mal die Karte.»


Kellner: «Ich fürchte, das kann ich nicht. Der Bundesrat will die Karte erst an einer der nächsten Sitzungen verabschieden.»


Platzer: «Echt jetzt? Was sagt Ihr Koch zu solchen Zuständen?»

Kellner: «Den habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Der ist praktisch nur noch drüben im Medienzentrum und wiederholt die Rezepte, die die Nation auslöffeln soll.»


Platzer: «Aber Sie haben doch wenigstens eine Tagesempfehlung?»


Kellner: «Unsere Tagesempfehlung ist seit dem 16. März immer dieselbe: Bleiben Sie zu Hause.»

Platzer: «Natürlich. Aber ich will jetzt endlich einmal etwas Neues hören!»


Kellner: «Uns fehlen leider die Daten, um Ihnen eine weitere Empfehlung abgeben zu können. Ausser natürlich: Hände waschen und nochmals Hände waschen!»


Platzer: «Mir lupfts hier gleich den Deckel. Als ob Ihre Chefs nicht genug die Hände waschen – und zwar vorgeblich in Unschuld, während sie sehenden Auges die Wirtschaft in den Tod treiben.»

Kellner: «Wobei sich dann wie im Alters-heim oft die Frage stellt: Zufällig mit oder tatsächlich wegen Corona gestorben …?»


Platzer: «Na hören Sie mal, auf welcher Seite stehen Sie eigentlich, Sie sind doch als Kellner selbst Gastro-Mitarbeiter?»


Kellner: «Welche Seite ist denn die richtige? Sie sind doch als Gastro-Präsident selbst auch Sohn, Verwandter oder Bekannter möglicher Risikopatienten.»

Platzer: «Alles, was ich will, ist eine Perspektive für unsere Branche, die von der Regierung links liegen gelassen wurde, während andere Wirtschaftszweige einen Fahr-plan haben und sogar schon öffnen durften.»


Kellner: «Sie haben Glück: Diese Perspektive gibt es.»

Platzer: «Worauf warten wir dann noch?»


Kellner: «Der Bundesrat wird die Gastrobranche aufgrund des von ihresgleichen er-zeugten Drucks rascher als sinnvoll wieder öffnen, flankiert von Abstands- und Hygienevorschriften, die dazu führen, dass ein Teil der Gäste zu Hause bleibt, weil er sich nicht wohlfühlt, während durch die Massnahmen ohnehin nur die Hälfte der früheren Gästezahl bewirtet werden kann. Was dazu führt, dass viele nur einen Teil des früheren Umsatzes machen können. Was dazu führt, dass viele sich zu Einsparungen beim Personal und der Qualität der Speisen gezwungen sehen. Was dazu führt, dass auch die übrigen Gäste rarer werden und viele Pleite gehen, ohne dass man dem Bundesrat die Schuld geben kann – aber vielleicht dem ungeduldigen Präsidenten von Gastrosuisse.»


Platzer: «Mir reichts, ich gehe. Was wollen Sie für den halb leeren Gespritzten?»


Kellner: «Der geht aufs Haus, weil es schlussendlich reiner Wein war.»



Erstmals veröffentlicht in Nebelspalter 05/2020

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